Erhöhte Dioxin-Werte in Oker

Die Belastungssituation ist schon seit 1985 bekannt: Über Belastungen durch Blei, Cadmium und Feinstäube in der Gemeinde Oker/ Harlingerode  in der Nähe von Goslar schrieb der Ökologische Ärztebund (ÖÄB) in der Ausgabe 1/18 von umwelt•medizin•gesellschaft. Ein halbes Jahr später, in der UMG-Ausgabe 3/18 wurde ergänzend berichtet, wie das Gewerbeaufsichtsamt Braunschweig mit den Belastungen umgehen wollte. Ein Beobachtungskatalog PRIBO wurde vorgestellt, der allerdings im Wesentlichen auf die Geruchsbelästigungen, nicht auf die toxischen Belästigungen abzielte. Nun geht es um stark erhöhte Dioxin-Werte und der ÖÄB berichtet weiter:

Bei einer öffentlichen Veranstaltung der möglicherweise verursachenden Betriebe und dem Gewerbeaufsichtsamt im November 2018 wurde Stellung genommen. Wesentliche, möglicherweise verursachende Betriebe, waren aber nicht anwesend. Ebenso waren die Initiativen der Bevölkerung des BUND und des ÖÄBnicht auf dem Podium vertreten. Diese Veranstaltung war eine Beschwichtigungsveranstaltung. Es gab im Wesentlichen nur Vorträge zum Katastrophenschutz. Der Leiter des Gesundheitsamtes stellte nochmal seine Beschwichtigung in Sachen Blei vor, aber es gab erheblichen Unmut in der sehr gut besuchten Veranstaltung, dass hier an den Gefahren vorbeidiskutiert würde und dass vor allem das Thema Dioxin überhaupt nicht berührt wurde. Im Januar wurde es dann den kritischen Umweltverbänden zuviel, sie brandmarkten die Abwiegelungstaktik des Gewerbeaufsichtsamtes. Das Thema Dioxin kam immer wieder auf die Tagesordnung und der BUND beschloss Akteneinsicht im Gewerbeaufsichtsamt vorzunehmen.

Das führte zu erstaunlichen Einsichten und das Thema Dioxin war plötzlich das Hauptthema, weil nachgewiesen werden konnte, dass erstens regelmäßig hohe Dioxinausstöße der Betriebe (nun wurden drei Betriebe benannt: Harzmetall, Grillo und Günther AG) und bei allen Betrieben kam es zu erhöhten Ausstößen von Dioxin. Diese Meldung, durch die Akteneinsicht des BUND, induzierte eine große neue Welle. Ähnlich wie Anfang 2001, als damals bekannt wurde, dass ein großer Drehrohrofen ohne Dioxinfilter seit Jahren produzierte. Damals erfolgte, auch durch Einschreiten des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Sigmar Gabriel, endlich die Installation eines Dioxinfilters und das Dioxinthema schien erledigt, beseitigt, im Sinne der Gefahrenabwehr.

Nun, nach 18 Jahren, das Gleiche noch einmal von vorne:

• Dioxin, als Verursacher von Gesundheitsstörungen durch fehlenden industriellen vorsorgenden Umgang mit Dioxin im Abgas.

• Es erfolgten Beschwichtigungen im Wochentakt. Das Dioxin sei nur bei einer Betriebsstörung entwichen. Das Dioxin würde regelmäßig gemessen. Das Gewerbeaufsichtsamt würde regelmäßig kontrollieren.

• Es sei ein verunreinigter Koks zur Beheizung genommen wurden, der Ursache für die Dioxinausstöße sei und diese Produktion sei sofort eingestellt.

Aber die Akteneinsicht brachte noch mehr zu Tage: Drei Firmen emittieren mittlerweile Dioxin in erheblichem Ausmaß. Die Überwachung dieser Betriebe erfolgt nur alle drei Jahre durch eine angekündigte Messung!

Die Landespolitik schaltete sich ein und Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies stellte sich hinter die Harzmetall und hinter das Gewerbeaufsichtsamt und beschwichtigte. Die Landtagsabgeordnete Julia Willie (Hamburg) startete eine Anfrage an die Landesregierung zum Thema Dioxin. Der Kreistag des Landkreises Goslar billigte einen Antrag auf eine Machbarkeitsstudie zur Analyse von möglichen Gesundheitsstörungen durch die Stäube, angereichert mit Blei und Cadmium und Dioxin sowie Feinststäube an sich, für die Bevölkerung Oker/Harlingerode.

Leiter dieser Untersuchung wurde das Landesgesundheitsamt Hannover, an der Spitze ein Statistiker – kein Arzt, kein Toxikologe, kein Umweltmediziner.

Die dramatische Zuspitzung für die Öffentlichkeit erfolgte in einer Ratssitzung am Dienstag, 19. März  2019. Alle Anträge zur näheren Untersuchung durch die Politik (SPD, FDP und Grüne als Mehrheit) wurden gegen die Linke- und Bürgerliste abgelehnt. Das wiederum rief den NDR auf den Plan, der bei all diesen Beratungen anwesend war, auch bei der Sitzung des Okeraner Krisenrates am 20. März 2019 und mit einer Vor-Ort-Recherche am Donnerstag, 21. März 2019.

Was ist nun der neue Sachstand?

1. Der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies kündigt ein Luftmessprogramm auf Dioxine mit Öffentlichkeitsinformation alle 3 Monate an.

2. Die Dioxinemissionen der Betriebe sollen nicht nur alle 3 Jahre, sondern vielleicht jährlich, möglicherweise sogar monatlich, überprüft werden. Allerdings offensichtlich nicht durch kontinuierliche Rauchgasmessung - eine Technik, die vorhanden ist.

3. Die Gesundheitsstudie  (Landesgesundheitsamt Hannover) wird längere Zeit in Anspruch nehmen und trägt zur aktuellen Beurteilung nicht bei.

4. Von der politischen Mehrheit im Rat wird das Thema Dioxin nicht ernst genommen, bagatellisiert und für nicht näher untersuchungsnötig befunden.

5. Die Industrie beschwichtigt, indem sie von Betriebsstörungen, ein-maligen Ereignissen, besonderen Situationen spricht und keine Dauer-gefahr sieht.

 

Betrachtet man die ganze Situation vor dem Hintergrund, dass seit 1985 offensichtlich die Belastungssituation in Oker bekannt ist, in der Folge auch mit umfangreichen Sanierungsmaßnahmen der Produktion, insbesondere bei Cadmium (Stilllegung), bei Blei (Überdachung), bei den Halden (Begrünung) reagiert wurde, glaubte man wohl, genug getan zu haben. Durch den Dioxinskandal im Jahre 2000 wurden alle eines Besseren belehrt, nun der Dioxinskandal 2018/19.

Und das obwohl im Jahr 2000 Fachleute wie Prof. Wassermann, der Leiter des Gesundheitsamtes Henninghaus, Rechtsanwälte und die Ärztekammer Niedersachsen in die Dioxinproblematik eingeweiht waren. Äußeres Zeichen einer Dioxinvergiftung ist die Chlorakne, Übelkeit, Erbrechen und Reizungen der oberen Luftwege sowie vermehrtes Auftreten von Sarkomen.

Eine direkte Kanzerogenität scheint es nicht zu geben, aber eine Promotion von Krebserkrankungen mit einer Latenz von 20 Jahren (Asbest lässt grüßen).

Grenzwerte:

Eine tolerable Belastung mit Dioxinen ist 0,1 pg pro Kilogramm und Tag. In Europa ist die Belastung der Bevölkerung mit 3ng/kg im Fettgewebe schon ein „Normalwert".

Die Emissionen dürfen 0,1 ng/m³ für Dioxine und 1ng/m³ für Furane betragen.

Wissenschaftlich klar ist, dass eine chronische Belastung von Kindern zu Immunstörungen, zu depressivem Rückzug, zu Wachstumsproblemen, zu Kognitionsproblemen und neurovegetativen Auffälligkeiten führt. 

Dr. Wolfgang Baur, Vorstand ÖÄB

 

Den NDR-Bericht dazu gibt es hier:

https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/braunschweig_harz_goettingen/Zink-Huetten-im-Harz-Stark-erhoehte-Dioxin-Werte,dioxin644.html

 

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